Sprudelhof Bad Nauheim
Badehäuser

Die Badehäuser von Bad Nauheim

Das Herzstück der Jugendstilanlage von Bad Nauheim ist der Sprudelhof, der von insgesamt sechs Badehäusern umgeben wird. In diesen Badehäusern fanden die wichtigsten Therapien des Herzheilbades statt und nachdem es eine Weile lang keine Bädertherapie in Bad Nauheim mehr gab, findet sie nun tatsächlich wieder Anwendung. Es ist gibt also, wenn auch in kleinem Maßstab, eine Art „back to the roots“.

Dabei sind die Badehäuser sicherlich der schönste und augenfälligste Ausdruck des Jugendstils in Bad Nauheim. Jedes der sechs Badehäuser ist auf eine ganz eigene Art gestaltet: mal dominiert ein tiefes Blau, mal sind es eher Naturtöne und dann wieder ein kräftiges Terracotta. Dabei sind es immer Motive aus der Natur, vor allem natürlich aus den Bereichen Meer und Wasser, die besonders hervorstechen. Aber auch Vögel finden sich, ebenso wie florale Motive.

Ein weiteres Moment, dass an den Badehäusern von Bad Nauheim begeistert, ist die Technik, die hinter allem steht und die hier – da wo der Gast zur Ruhe kommen und genesen soll – so gar nicht auffällt.

In insgesamt drei Beiträgen hat Wilhelm Jost im Jahr 1911 im Zentralblatt der Bauverwaltung die Badehäuser und die Bauarbeiten an ihnen ausführlich beschrieben:


Badezelle für zwei Personen mit Doppelwanne Badehaus Bad Nauheim
Badezelle für Zwei – Badehaus Bad Nauheim
historische Postkarte gemeinfrei

265 Wanne und 6 Badehäuser

„Die wichtigste und auch umfangreichste Anlage unter den Bad Nauheimer Neubauten sind naturgemäß die Bäder selbst; hier sollten ursprünglich in nächster Nähe der Sprudel etwa 295 Wannen mit allen nötigen, reichlich groß bemessenen Nebenräumen untergebracht werden; später mußte nach Erbauung der ersten beiden Häuser innerhalb der Anlage auch noch Platz für 4 große Wasseraufspeicherungsanlagen geschaffen werden, wodurch sich die Zahl der Wannen auf 265 verringerte. Da das Sprudelwasser wegen der Erhaltung der großen natürlichen Kohlensäuremengen ohne Pumpe den Wannen zulaufen muß, so war es notwendig, alle Badezellen zu ebener Erde, und zwar so tief wie möglich anzuordnen. Deshalb wurde das ganze Gelände der Badeanlage um nahezu 50 cm abgehoben, und die Keller, die zur Aufnahme der umfangreichen Leitungen dienen, liegen 50 bis 80 cm im Grundwasser. Von ganz besonderem Einfluß waren diese Verhältnisse natürlich für den Aufbau; in der durchweg einstöckigen Anlage konnten nur infolge der Forderung von Dienstwohnungen, Wäschemagazinen und dergl. an passenden Stellen mehrstöckige Gebäudeteile angeordnet werden, durch die die große Baumasse in erwünschter Weise gegliedert wird. Die ganze Anlage gruppiert sich um die drei Sprudel derart, daß eine in großem Maßstab gehaltene Wandelhalle die einzelnen Häuser einheitlich verbindet und einen wenigstens dreiseitig geschlossenen Hof bildet. Hierdurch war es möglich, die Sprudel selbst gewissermaßen architektonisch bedeutungsvoll zu rahmen und auch den großen gleichartigen Massen der Badehäuser mit ihren kleinen Achsen eine monumentale Wirkung zu verleiben. Natürlich bilden die Wandelhallen gerade für ein Bad eine sehr willkommene Gelegenheit zum Aufenthalt bei kühlem sowohl wie bei heißem Wetter und besonders bei Regen.“


Schmuckhof Badehaus 2 Bad Nauheim
Schmuckhof von Badehaus 2 – Bad Nauheim
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Drei Sprudel und Badehaus 2

„Da in der Badeanlage Bäder von drei verschiedenen Sprudeln, teils unmittelbar aus den Steigrohren (Sprudelbäder), teils aus Sammelbehältern (Thermalsprudelbäder) abgegeben werden, wurden sechs im Betrieb getrennte Häuser angeordnet. Jedes Haus enthält einen geräumigen Wartesaal mit anschließendem Hof (Schmuckhof), der bei gutem Wetter ebenfalls von den wartenden Gästen benutzt wird. An den Wartesaal schließen links und rechts die Badeflügel an, die den Hof ganz umgeben. ln jedem Hause sind zwei geräumige Wärter- und Wäschezimmer, für jeden Flügel eins; in gleicher Weise sind die Aborte für Herren und Damen verteilt.
Wartesäle und Höfe sind in verschiedener Art architektonisch ausgebildet und geben dadurch die Möglichkeit, sich leicht zurechtzufinden. Im Badehaus 2 (die Häuser sind mit den Nummern 2 bis 7 bezeichnet) zeigt der Wartesaal eine straffe Pfeilerarchitektur mit drei vom Boden bis zur Decke gehenden Fenstern. Wände und Decke sind von Professor Kleukens in Darmstadt bemalt. Die Wände des zugehörigen Hofes, in viele schmale Pfeiler aufgelöst, sind in dunkel blaugrünen glasierten Klinkern aus der Gailschen Dampfziegelei in Gießen errichtet und mit Terrakotten aus der Großh. Keramischen Manufaktur in Darmstadt geschmückt, zu denen Bildhauer Professor Jobst in Darmstadt die Modelle geliefert hat. Der Terrakottabrunnen ist von demselben Künstler. Weiße Fenster, reicher Blumenschmuck und grüne Basenflächen vervollständigen das farbige Bild.“


Mobiliar Badehaus 3 Bad Nauheim
Originalmobiliar im Badehaus 3 – Bad Nauheim
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Badehaus 3 zwischen Muschelkalk und Rosenbeeten

„Anders bieten sich die Räume im Badehaus 3 dar. Wände und Fußboden des kreisrunden Wartesaals sind in Mosaik ausgeführt (Firma Kgl. Bayer. Hofmosaik-Kunstanstalt in München); auf Wandpfeilern in Muschelkalk mit figürlichen Kapitellen von Bildhauer Belz in Frankfurt a. M. ruht ein Gesims aus demselben Material mit einer flachen Kuppel in Stuck, geschmückt mit einer großen Deckenbeleuchtung. Über dem Eingang ist eine Uhr mit reichem figürlichen Zifferblatt, nach einem Karton von Maler Hegenbarth, ebenfalls in Mosaik eingelassen. Etwas mehr nach dem Hofe zu, also vom Eingang weggerückt, außerhalb des Mittelpunktes des Baumes, steht baldachinartig überdeckt die Kontrolle. Das Mobiliar aus Kirschbaumholz mit Raffiabastsitzen trägt wesentlich zur Wirkung bei. Der Hof ist in einfacher Weise durch zwei Säulenreihen in einen mittleren offenen und zwei seitliche mit Pergolen gedeckte Teile gegliedert. In dem vertieften mittleren Teil steht, von einem größeren Wasserbecken umgeben, ein Brünnchen aus Muschelkalk von Bildhauer Belz in Frankfurt a. M. Rings um das Wasserbecken sind Rosenbeete angelegt; Schlingrosen ranken sich auch an den Pergolen und den Wänden des Hofes hinauf.“


Rezeption Wartesaal Badehaus 3 Bad Nauheim
Rezeption im Wartesaal von Badehaus 3
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Die Wartesäle der Badehäuser 2, 4, 5 und 6

„Einander ähnlich, wenn auch nicht ganz gleich, sind die Wartesäle und Höfe der Häuser Nr. 4 und 5. Die Wartesäle haben Marmorverkleidung aus nassauischem Marmor, die Muschelkalkpfeiler in den Höfen sind mit Fratzen von Professor Varnesi in Frankfurt a. M. geschmückt, und an der dem Wartesaal gegenüberliegenden Seite schließen Wandbrunnen den Hof ab. Diese beiden Höfe werden an einer Ecke von höhergebenden Gebäudeteilen mit Uhrtürmen überragt, worauf die besondere Wirkung dieser Höfe zum großen Teil beruht.
Der Wartesaal in Badehaus 6 ist wieder von Professor Kleukens ausgemalt, aber in vollständig anderer Auffassung als der des Badehauses 2. Die Wände des Hofes sind in Felder geteilt, in denen keramische Masken eingelassen sind; vor den Wänden stehen Säulen, die ein vorspringendes Dach tragen. Dem Wartesaal gegenüber plätschern zwei zierliche Brünnchen aus Steinzeug nach Modellen des Bildhauers Huber in Offenbach a. M., angefertigt von der Großh. Keramischen Manufaktur in Darmstadt.“[1]


Badezelle Badehaus 3 Bad Nauheim
Badezelle im Badehaus 3 Bad Nauheim
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Badezellen und die Besonderheiten der Badehäuser 6 und 7

„Am reichsten ist die Raumgruppe in Badehaus 7 ausgeführt; hier sind die Wände des Wartesaals mit Steinzeug der Großh. Keramischen Manufaktur verkleidet, und der Hof hat einen vollständig gedeckten Umgang aus Terrakotta ebendaher erhalten. Die Plastik des Wartesaals rührt vom Bildhauer Huber, der ganze Aufbau des Umgangs im Hof und alle Modelle zu den Terrakotten vom Bildhauer Professor Jobst in Darmstadt her, der auch den Brunnen, ausgeführt in Muschelkalk und Bronze, entworfen und modelliert hat. Diese beiden Räume waren seinerzeit in der Ausstellung Darmstadt 1908 bereits aufgebaut.
Die Flure sind in allen Häusern möglichst in Naturputz stehen geblieben und haben in den unteren Teilen Teppichmuster teils in Lasurmalerei (ausgeführt von dem verstorbenen Maler Lanz in Frankfurt a. M.), teils in deckender Malerei von Maler Nitsche in Köln erhalten. In den beiden neuesten Häusern 6 und 7 sind die Flure wesentlich über die Zellen erhöht und haben hohes Seitenlicht und Seitenentlüftung sowohl unmittelbar ins Freie, als auch durch einen Luftkanal, der über den Zellen liegt.
Die Badezellen sind etwa 2,75/4,00 m groß; der Boden ist mit gesinterten Tonplatten (Vereinigte Servais Werke in Ehrang), die Wände ringsum auf etwa 1,70 m Höhe mit Majolikaplatten belegt, die nach besonderen Zeichnungen des Unterzeichneten vom Tonwerk Offstein (jetzt Tonindustrie Offstein, Albertwerke in Frankfurt a. M.) angefertigt und verlegt wurden. Die Wannen sind wegen der geringeren Wärmeverluste und weil Wannen aus Feuerton oder Metall für die Kranken zu glatt, Metallwannen auch vom Nauheimer Sprudelwasser sehr angegriffen werden, aus Holz, etwa 20 cm in den Boden eingelassen und außen mit Rabitzputz und Platten wie die Wände bekleidet. Die Ausstattung der Zelle, Kleiderablage, Sessel, Stuhl, Stiefelzieher, Schemel zum Stiefelanziehen, ist weiß lackiert. Auf dem Boden liegen ebenso wie in den Wartesälen und Fluren Kokosteppiche.
Im Äußeren sind die Häuser wie bei den Verwaltungsgebäuden (1909 d. BL, S. 14) unter sparsamer Verwendung von Muschelkalk rauh verputzt. Die Dächer sind mit Ziegeln der Wieslocher Werke als Kronendächer gedeckt.“


Heizung Badehaus 5 Bad Nauheim
Heizung in Badehaus 5 – Bad Nauheim
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Lüftung und Heizung der Badehäuser von Bad Nauheim

„Soviel über den architektonischen Aufbau; es bleiben noch eine Reihe von Fragen technischer Art zu erwähnen. Über jedem Personalraum ist in einem Zwischengeschoß ein Trockenraum mit Vorratsraum eingebaut; hier werden die Filzteppiche, die bei jedem Bad als Vorlage benutzt werden, nachdem sie durch einen eigens dazu eingebauten Aufzug hinaufbefördert sind, in einem Kulissentrockner getrocknet. In den Vorratsräumen sind Wäsche und Betriebsmittel aller Art untergebracht; auch besondere Ankleideräume für das weibliche Dienstpersonal haben hier ihren Platz gefunden.
Für Lüftung ist überall reichlich gesorgt, wenn auch die Einrichtungen zur künstlichen Lüftung auf das geringste beschränkt wurden. Es ist hier zu beachten, daß nur Sommerbetrieb in Frage kommt und die Anlage der Hauptsache nach einstöckig ist. Die Lüftung erfolgt in erster Linie durch Öffnen des Fensters nach jedem Bad. Außerdem hat jede Zelle unterhalb des Fensters in der Außenwand eine Johnsche Klappe, die zwar von innen nach außen entlüftet, bei Gegenwind von außen aber sich selbsttätig schließt; sie dient vornehmlich zum Abfluß der Kohlensäure. Schließlich ist über der Zellentür eine Stäbchenklappe angebracht, durch die die Luft der Zeile in den Flur und von da durch die Fenster oder durch Abluftkanäle über den Zellen abziehen kann. Da, wo die Flure nicht höher als die Zellen sind, wurden Ventilatoren in die Abluftkanäle eingebaut, während dies bei den hohen Fluren nicht notwendig erschien. Weiträumige Flure, teilweise durch das Zwischengeschoß durchgeführt, unterstützen die Lüftung und tragen besonders dem Bedürfnis der Herzkranken nach frei und nicht beengend wirkenden Räumen Rechnung. Die Wartesäle sind deshalb auch sehr hoch und mit Entlüftungsgalerien versehen. Die ganze Anlage wird mit einer Niederdruckdampfheizung erwärmt, die vom Fernheizwerk gespeist wird. In den Wartesälen wurden teilweise Luftheizkammern eingebaut. Die Warmwasserbereitung erfolgt durch Kessel, die im Keller aufgestellt sind und durch Dampf des Fernheizwerks (1909 d. Bl., S. 145) geheizt werden.“


Nummernkasten Badehaus Bad Nauheim
Nummerkasten in einem Badehaus in Bad Nauheim
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Von Nummernkästen und Fernmeldern

„Die Signalanlage ist nach besonderem, eigens für unsere Zwecke erdachtem System von der Firma Fuendeling in Friedberg ausgeführt; eine genaue Beschreibung würde hier zu weit führen. Doch sei erwähnt, daß die Nummerkasten frei im Flur hängen, die Zahlen etwa 12 cm hoch sind, damit sie von den Wärtern von weitem, und zwar von beiden Seiten erkannt werden. Die Größe der Zahlen verbot die Anordnung gewöhnlicher, fallender Klappen; es mußten würfelförmige Körper gewählt werden, die auf zwei senkrechten Seiten die Zahlen tragen und sich um eine senkrechte Achse drehen. Da nun bei dem kurzen Zugkontakt ein Rückschnellen der Körper vorkam, wurden besondere Kontakte eingebaut, die es ermöglichen, daß trotz des kurzen Zuges doch dauernd Strom durch den Anker geht, bis der Wärter innerhalb der Zelle, d. h. nach Erfüllung des Wunsches des Badenden, abgestellt hat. Eben solange läutet auch die Glocke der Anlage, allerdings wegen des störenden Lärmes mittels eines Unterbrechers nur als Einschlagglocke im Zwischenraum von 15 Sekunden. Die Kraft wird von einer Akkumulatorenbatterie erzeugt, die zweimal wöchentlich aus dem Starkstromnetz geladen wird.
In den Höfen sind ferner noch sogenannte Fernmelder aufgestellt, die den dort wartenden Kurgästen jeweils anzeigen, welche Nummer der vorher in der Reihenfolge der Meldung abgestempelten Karten zum Bad abgerufen wird. Auch diese sehr beachtenswerte Anlage, die durch einen kleinen Motor betrieben und von dem Kontrolltisch gleichzeitig mit dem Abrufen bedient wird, ist von der Firma Fuendeling erdacht und ausgeführt worden.“[2]


Technik Badehäuser Bad Nauheim
Die Rohrleitungstechnik hinter den Badehäusern von Bad Nauheim
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Die Technik hinter einem Bad

„Die Rohrleitungen wurden nicht von der bauleitenden Behörde, sondern von der Großh. Badedirektion ausgeführt und können hier nicht näher beschrieben werden. Es sei kurz nur folgendes gesagt. Von der Sprudelkammer aus sind begehbare Kanäle zunächst bis unter die Wandelhallen geführt, die Wandelhallen selbst sind wie die ganze Badeanlage unterkellert, so daß die Leitungen überall zugänglich sind. Da nun in jeder Wanne zweierlei Bäder eines Sprudels verabreicht werden, so gehen jedesmal zwei Leitungen, eine Sprudel- und eine Thermalsprudelleitung, 125 mm und 175 mm weite Flanschenrohre neben- oder Übereinander her, dazu kommen Süßwasserleitung, kalt und warm, letztere mit der nötigen Rückleitung, und die Heizdampfleitung. Unterhalb der Personalräume mit einer Treppe verbunden liegen die Kesselräume, jedoch nur einer in jedem Badehause, in ihnen wird die Spannung des Dampfes aus der Zentrale vermindert, hier sind die Ventile zur Verteilung der Dampfleitungen und die Kessel zur Erzeugung des warmen Wassers eingebaut. Zur Erwärmung der Badewäsche sind am Fußende der Wanne in einem Holzkasten doppelwandige Wäschewärmer eingebaut, die von Heißwasser durchströmt werden. Ebenfalls am Fußende der Wanne sind die Ventile zur Bedienung untergebracht, und zwar so, daß nach Entfernung der Holzabdeckung des Wäschewärmers die ganze Ventilgruppe von oben zugänglich ist. Von unten sind alle Leitungen bis zur Wanne offen, was dadurch erreicht ist, daß die Wannen in eine Aussparung der Decke eingelassen und auf U-Eisen, die in Betonträger der Decke eingesteckt sind, einfach aufgesetzt wurden. Die unbedingte Zugänglichkeit der Leitungen ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil das Sprudelwasser außerordentlich stark absetzt und die Leitungen in verhältnismäßig kurzer Zeit versintem. Es werden deshalb je nach Bedarf im Winter die Flanschenrohre auseinandergeschraubt und gereinigt. Die Ableitung des Badewassers erfolgt in offenen Rinnen, die unter den Wannen herlaufen und in eine Sammelrinne unter der Wandelhalle münden, die wiederum am Ende der Wandelhalle in dem gemauerten Badeabwasserkanal endigt.“


Wannen Badehaus Bad Nauheim
Plan für den Einbau der Wannen in die Badehäuser von Bad Nauheim
aus: Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung Nr. 95 (1911) S. 593-596, hier S. 594.

Die Bauarbeiten an den Badehäusern in Bad Nauheim 1905-1910

„Die Bauarbeiten waren auf die Jahre 1905 bis 1910 so verteilt, daß der Betrieb ungehindert war und daß mit jedem Jahre eine Vermehrung der Zellen stattfinden konnte. Die östlichen Häuser Nr. 4 und 5 wurden im Jahre 1905 begonnen und im Jahre 1900 dem Betrieb übergeben, nachdem vorher im Winter 1905/06 ein Teil des alten Badehauses III abgerissen war, um die direkte Verbindung der neuen Badehäuser mit dem Sprudelplatz zu ermöglichen. Im Winter 1906/07 wurde dann zunächst das neueste der früheren Badehäuser (Badehaus VII) abgebrochen, weil es in Bad Salzhausen zur Erweiterung der dortigen Anlagen wieder aufgestellt werden sollte. So konnte mit der Erbauung der nördlichen Hälfte weiter fortgefahren werden, und zwar wurden hier gleichzeitig die Häuser Nr. 2 und 3 in Angriff genommen, doch so, daß das alte Badehaus I noch während des ganzen darauffolgenden Sommers 1907 benutzt werden konnte. Erst im Winter 1907/08 wurde auch dieses Haus abgebrochen und das neue Badehaus 2 vervollständigt. Im Sommer 1908 konnten dann die beiden Häuser 2 und 3 eröffnet werden. Da hiermit eine sehr große Zahl neuer Zellen gewonnen war, konnte man im Winter 1908/09 das letzte der abzubrechenden Badehäuser (Badehaus II) gleich entfernen und mit dem Neubau der ganzen südlichen Hälfte beginnen. Für etwa eintretenden Bedarf wurden dann im Sommer 1909 bereits 20 Zellen fertiggestellt, während die gesamte Anlage mit 265 Zellen für die Kurzeit 1910 fertig war. Einzelne besondere Teile, wie Fürstenzellen, Brunnen, Bassinbauten, sind noch während des Jahres 1910 und im Winter 1910/11 ausgeführt oder beendigt worden (vgl. hierzu Jahrgang 1909 d. Bl., Seite 2: I. Allgemeines).“


Blick in den Schmuckhof von Badehaus 5
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Von Baufirmen und Baukosten

„Außer den schon genannten Firmen waren hauptsächlich beteiligt: Th. Morschel in Friedberg mit der gesamten Erd- und Maurerarbeit, Martenstein u. Josseaux in Frankfurt a. M. und Pfannebecker u. Walter in Mainz mit den Gründungsarbeiten im Grundwasser, J. Röder in Randersacker und Mich. Leipold in Würzburg mit der Lieferung der Muschelkalkarbeiten, Georg Appel in Gießen mit der Lieferung der kupfernen Dachreiter auf Badehaus 4 und 5, Tessereaux u. Stoffels in Mannheim, Rich. Speer in Mannheim, sowie besonders Helmut Krüger u. Lauermann in Frankfurt a. M. mit der Ausführung der Betonarbeiten, die Zwieseler Glaswerke München mit Lieferung und Ansetzen von Glaswandfliesen, Bildhauer Belz in Frankfurt a. M. mit einer Reihe von oben noch nicht erwähnten Bildhauerarbeiten an den Portalen und Fassaden, Dyckerhoff u. Neumann in Wetzlar und Guido Krebs, Balduinstein, J. N. Köbig in Mainz mit Marmorlieferungen für Wandbekleidungen in Wartesälen und Fürstenzellen. — Die Möbel der Wartesäle, Zellen und Fürstenbäder sind hauptsächlich von J. Glückert in Darmstadt, Ludw. Alter in Darmstadt, Fr. Bindewald in Friedberg und Th. Brück in Gießen geliefert. Die Wannen aus australischem Moaholz einschl. Abdeckung und Wäschewärmergehäuse fertigte die Firma Staerker u. Fischer in Leipzig.
Der Gesamtentwurf zu der Anlage ist von dem Verfasser gefertigt. Die Ausführung erfolgte durch die Baubehörde für die Neubauten in Bad Nauheim unter der Leitung des Verfassers, dem die Großh. Regierungsbaumeister v. Heemskerck, Pfeiffer, Hieronymi, Petry, Sehrt und Dr. Lipp teils nacheinander, teils nebeneinander bei der Bearbeitung einzelner Teile als Mitarbeiter zur Seite standen.
Die Kosten der ganzen Anlage betragen etwa 2 222 000 Mark, worin die Kosten des teilweise sehr erheblichen Abhubes des ganzen Geländes, der kostspieligen Sicherung gegen Grundwasser, der Lüftung, der Garten- und Brunnenanlagen und aller sonstigen Nebenanlagen einbegriffen sind. Nicht enthalten sind darin die Kosten der eigentlichen Badeeinrichtung und der Heizung, Arbeiten, die, wie schon bemerkt, von der Großherzoglichen Badedirektion ausgeführt und verrechnet sind. Für die Möbelausstattung sind 142000 Mark aufgewendet worden.“


Marmorwanne in einer Fürstenzelle im Badehaus Bad Nauheim
Marmorwanne im Fürstenbad
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Die Fürstenbäder der Badehäuser von Bad Nauheim

„Die in Vorstehendem nur kurz erwähnten Fürstenbäder dürften so viel allgemeines Interesse erwecken, daß sie hier noch besonders behandelt werden können. Die neue Badeanlage enthält außer den üblichen Badezellen einige Bäder mit besserer Ausstattung, auch wohl mit Vor- und Ruheräumen, und ferner vier sogenannte Fürstenzellen, die aus einer Raumfolge von Empfangs- oder Vorzimmer, An- und Auskleidezimmer und Bad bestehen, woran sich noch ein kleiner Raum für einen Diener anschließt. Die vier Fürstenbäder sind in die verschiedenen Häuser verteilt, damit für die einzelnen Bäderformen jedesmal ein Bad zur Verfügung steht.

Im Badehaus 4 ist die Zelle nach Entwurf des Professors Albin Müller in Darmstadt ausgeführt; sie ist auf der Ausstellung 1908 in Darmstadt bereits gezeigt worden. Der Vorraum hat dunkelgrüne Stoffbespannung mit Palisanderleisten und gerundeten Eckpilastern aus Birkenholz, darüber eine reichvergoldete Stuckdecke. Im An- und Auskleideraum sind die Wände bis Türhöhe mit hellpoliertem Fichtenholz bekleidet, der obere Teil und die Decke sind grün gestrichen. Der Waschtisch nimmt die ganze Fensterwand ein. Das Bad hat Wandverkleidung aus Marmor. Auch die Wanne ist aus Marmor, da bei der verhältnismäßig seltenen Benutzung die für die große Zahl der ständig benutzten Wannen geltenden Bedenken hier gegenüber der besseren architektonischen Wirkung zurücktreten konnten. Um die lästige Abkühlung zu vermeiden, werden die Wannen vor Benutzung mit heißem Wasser durchwärmt.“

Die Fürstenbäder in den Badehäusern 2, 3 und 7

„Neben diesem Bad ist im Badehaus 3 eine zweite solche Raumgruppe eingebaut, deren Vorraum rauhen Wandputz mit keramischen Einlagen und weiß lakierte Möbel zeigt, während der An- und Auskleideraum mit Oberlicht aus Opalprismen eine Wandbekleidung aus japanischer Matte mit Eschenholzleisten erhalten hat. Das Bad ist ebenfalls mit Marmor verkleidet und mit einem gemalten Fenster geschmückt.
Ein drittes Fürstenbad ist im Badehaus 2 eingebaut; hier folgt auf einen Vorraum mit einfacher Wandmalerei in gelbbraunen Tönen ein Ankleideraum mit grauer Wandmatte und weiß lackierten Möbeln und das Bad mit Wandbekleidung aus nassauischem Marmor und einer Tonne in reicher Mosaikausstattung, geliefert von der Firma Kgl. Bayer. Hof-Mosaik-Kunstanstalt (Rauecker) München, nach Karton von Maler W. Köppen in München.
Das vierte und letzte Fürstenbad ist in der Anordnung des Vor- und Ankleideraums ähnlich dem dritten, nur ist der letztere mit einer vollständigen Holzvertäfelung versehen, die nach patentiertem Verfahren von der Firma Fr. Bindewald in Friedberg elfenbeinfarbig emailliert und mit Ornamenten bemalt ist. Das Bad ist ganz mit Kacheln aus der Großh. Keramischen Manufaktur verkleidet, und zwar sind zwischen graugeflammten plastischen Friesen grüne einfarbige Felder angeordnet. Diese letzteren drei Fürstenbäder sind nach Entwürfen des Verfassers ausgeführt. Zu erwähnen ist noch, daß die sichtbaren Teile der Rohrleitungen, also Ventilgriffe und Brausen, von der Firma H. Schaffstaedt in Gießen in Tombak und Rotguß ausgeführt sind.
Nauheim. Jost, Großh. Bauinspektor.“[3]


[1] Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr. 89 (1911) S. 545-550.
[2] Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr. 93 (1911) S. 573-576.
[3] Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung Nr. 95 (1911) S. 593-596.


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Beitragsbild:
Sprudelhof mit Badehäusern – Bad Nauheim um 1910
historische Postkarte

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