Bad Nauheim Sprudelhof Jugendstil
Verwaltungsgebäude

Die Verwaltungsgebäude im Sprudelhof

Wenn sich ein Besucher vom Bahnhof aus dem Sprudelhof nähert, dann sind die Verwaltungsgebäude das erste, das er wahrnimmt. Es sind durchaus imposante Bauten, auch wenn sie zu dieser Seite hin nur eingeschossig erscheinen. Doch sie wirken wie ein Tor, das den Blick freigibt auf den Sprudelhof, die Badehäuser und den Kurpark bis hinauf zum Johannisberg. Eine lange und weite durchweg grüne Sichtachse hat Wilhelm Jost hier erschaffen, die so noch heute zu sehen ist.
In dieser Hinsicht hat sich nichts verändert in den letzten gut 100 Jahren: der Blick, der sich dem Ankommenden bietet ist der gleiche geblieben.

Und dieser Blick mit seiner Sichtachse zeigt dem an Kunst und Architektur interessierten Besucher auch gleich, dass hier jemand am Werk war, der gleich mehrere Baustile miteinander vereinte, denn die Sichtachse und die Symmetrie weisen auf barocke Ideen hin. Die Details der Ausgestaltung aber sind dem Jugendstil verschrieben und werden immer sichtbarer je weiter man sich dem Gebäudekomplex nähert.

Im Jahr 1909 hat Wilhelm Jost im Zentralblatt der Bauverwaltung über das Konzept und die Funktion der Verwaltungsgebäude am Sprudelhof in Bad Nauheim geschrieben:


Bad Nauheim Sprudelhof Verwaltungsgebäude Jugendstil
Verwaltungsgebäude am Sprudelhof in Bad Nauheim
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Die Verwaltungsgebäude – multifunktional

„Wie bereits in der einleitenden Besprechung der Neuanlagen erwähnt wurde, liegen die Verwaltungsgebäude, in denen sich das geschäftliche Leben des Bades abspielt, unmittelbar am Eingang zum Badegebiet und zum Park. Sie wurden deshalb mit bewußter Absicht als Torgebäude ausgebildet und geben zwischen sich den Zugang über eine große, nach den drei Sprudeln hinabführende Treppe frei. Die an diese Treppe zunächst anschließenden Teile sind auf der östlichen Seite, also nach dem Bahnhof zu, nur einstöckig, während die nach außen liegenden Flügel zweistöckig, mit ausgebautem Dachstock angelegt sind. Auf der Westseite liegt das Badegebiet um etwa 3 tiefer, so daß die Gebäude hier um ein Stockwerk höher in Erscheinung treten.
Das Erdgeschoß enthält im südlichen Gebäude die Räume der Badedirektion, im nördlichen die Kassen und das technische Bureau. In dem Ober- und Dachgeschoß der höhergehenden Flügel sind die Dienstwohnungen des Vorstandes der Großh., Badedirektion und des Großh. Kurdirektors untergebracht. In den westlichen Räumen des Sockelgeschosses liegen, außer der Wohnung eines Dieners, Laboratorien und Sammlungsräume sowie ein Röntgenzimmer mit Bad.“


Plan des Sprudelhofs in Bad Nauheim
Ursprünglicher Plan für den Neubau des Sprudelhofs in Bad Nauheim –
Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr. 1 (1909) S. 4

Die Verwaltungsgebäude zwischen Barock und Jugendstil

„Im äußeren zeigen die Häuser ein frei aufgefaßtes Barock in einfachen Formen. Als Haustein ist Muschelkalk aus der Würzburger Gegend (Ochsenfurt, Randersacker usw.) von M. Leipold in Würzburg verwandt, der sich nach genauen Untersuchungen als widerstandsfähig gegen die Einflüsse der sehr scharfen, kohlensäurereichen, warmen Solwässer erwiesen hat. Das Dach ist mit Wieslocher Biberschwänzen als Kronendach eingedeckt. Sockel- und Erdgeschoß haben massive Decken (Eisenbeton). Im Erdgeschoß liegt auf diesen Decken Linoleum mit Korkestrichunterlage, letztere ausgeführt von der Firma Rocke u. Hönn in Mannheim, im Obergeschoß ist auf einer 5 cm hohen Sandauffüllung Amendsches Patentparkett gelegt worden, wobei die Sandauffüllung die Schallübertragung vermindern soll. Flur, Kassen- und Warteräume, der Sitzungssaal des Kurverwaltungsausschusses und die Wohn- und Gesellschaftszimmer der Dienstwohnungen sind mit Rücksicht auf den Verkehr des Badepublikums etwas reicher ausgestattet, als dies sonst bei Dienstgebäuden üblich ist; alle anderen Räume zeigen keine besonders bemerkenswerten Ausführungen. Die Kassenräume sind von L. Alter in Darmstadt, Diele und Speisezimmer des Vorstandes der Großh. Badedirektion von Heinrich Rauch in Mainz und die übrigen besseren Räume von J. Glückert in Darmstadt ausgeführt. Die Beleuchtungskörper sind von den Mainzer Firmen L. Busch, Gasapparat u. Gußwerk und Oberdhau u. Beck geliefert, die Heizungsanlage von Käuffer u. Ko. in Mainz, die Beleuchtungsanlage von den Siemens-Schuckertwerken, Zweigstelle Frankfurt a. M., und die umfangreiche Fernsprechanlage von Siemens u. Halske, Zweigstelle Frankfurt a. M., hergestellt worden. Die Bildhauerarbeiten hat der Bildhauer J. Belz in Frankfurt a. M. modelliert.“


Nördliches Verwaltungsgebäude am Sprudelhof von Bad Nauheim
aus: Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr. 3 (1909) S. 14-16, hier S. 15.

Die Kosten für die Verwaltungsgebäude am Sprudelhof

„Die Gesamtkosten der beiden Gebäude einschl. Die Gesamtkosten der beiden Gebäude einschl. der Aufwendungen für die Heizanlage und elektrische Beleuchtung mit Beleuchtungskörpern und allen sonstigen Einrichtungsarbeiten betrugen 288 822 Mark oder 24 Mark für 1 cbm umbauten Raumes, wobei vom Sockelgeschoß Fußboden bis Dachgeschoß Oberkante gerechnet ist. Das Dach ist durchweg in seinem Mansardenteil ausgebaut. Die Nebenanlagen, Straße, Freitreppen, Stützmauern kosteten rd. 33 000 Mark. Für Mobiliar wurden aus einem Kreditrest des Neubaues 6024,22 Mark aufgewendet. Mit der Ausführung wurde am 2. Januar 1905 begonnen; im Frühjahr 1906 wurden die Amtsräume und die Wohnung des Vorstandes der Großh. Badedirektion bezogen, während die Wohnung des Großh. Kurdirektors infolge eines Wechsels in der Besetzung dieser Stelle erst im Winter 1906/07 zur Benutzung übergeben wurde.
Für die Durcharbeitung des Planes und die Bauleitung standen dem Unterzeichneten teilweise gleichzeitig, teilweise nacheinander die Großh. Regierungsbauführer Pfeiffer, Dogny und Keller zur Seite. (Fortsetzung folgt.)
Nauheim. Jost.“[1]


[1] Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr. 3 (1909) S. 14-16.


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Beitragsbild:
Bad Nauheim Sprudelhof mit Blick auf Johannisberg
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

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