Ein eleganter Abend in der Belle Époque - Bild: Victor Gabriel Gilbert
Weltgeschichte(n)

Die Zeit um 1900 oder Was ist Belle Époque

Bad Nauheim erlebte seine große Zeit als Mode- und Luxusbad in der Zeit der Belle Époque. Als Jugendstilbad stieg Bad Nauheim in dieser Epoche vom ehemaligen Söderdorf zum Weltbad auf.
Doch, was war das für eine Zeit? Was war diese Belle Époque, wann war sie und vor allem: Wie war sie? Und natürlich: Wie sah die Welt der „schönen Epoche“ außerhalb Bad Nauheims eigentlich aus?
Auf diese und viele andere Fragen versuchen wir hier Antworten zu finden.
Die „Belle Époque“, so nennt man sie gemeinhin, diese Zeit um 1900. Anderen gilt die Zeit der Jahrhundertwende auch als „Fin de Siècle“, was übersetzt nichts anderes heißt als „Ende des Jahrhunderts“. Das aber meint im Gegensatz zur „Belle Époque“, der schönen Epoche, nichts Positives.
Diese beiden so verschiedenen Bezeichnungen für einen Zeitraum von gerade einmal 30 Jahren zeigen schon wie vielgestaltig die Epoche war.

Schiffsball - Bild: James Tissot - ein typisches Bild der Belle Époque
Schiffsball – Bild: James Tissot, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Was ist Belle Époque?

“Belle Époque” ist die Bezeichnung für eine Epoche der europäischen Geschichte. Um genau zu sein, eigentlich für eine Epoche der französischen Geschichte, denn der Begriff kommt aus dem Französischen und heißt übersetzt „schöne Epoche“. Gemeint ist mit der schönen Epoche die Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Meist bezeichnet man die Jahrzehnte zwischen etwa 1880 und 1914 als „Belle Époque“.
Diese zeitliche Eingrenzung der Belle Époque führt dazu, dass der Begriff auch vielfach mit der ebenfalls französischen Bezeichnung „Fin de Siècle“ gleichgesetzt wird. „Fin de Siècle“ bedeutet übersetzt „Ende des Jahrhunderts“. Während aber die „Belle Époque“ das Schöne und Positive jener Zeit in den Fokus nimmt, ist die Bezeichnung „Fin de Siècle“ eher negativ behaftet. Erstmals aufgetaucht ist sie im Jahr 1886 in der französischen Zeitschrift „Le Décadent“ und mit Dekadenz wird das „Fin de sciècle“ auch meist gleichgesetzt.
Man sieht: was für die einen Schönheit ist, das ist für die anderen Dekadenz. Damit beschreiben beide Begriffe zusammen sehr gut das Lebensgefühl jener Jahrzehnte um die Jahrhundertwende.

Jugendstiltheater Bad Nauheim
Jugendstiltheater Bad Nauheim
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Ist Belle Époque gleich Jugendstil?

Auf die Frage, ob Belle Époque gleich Jugendstil ist, gibt es eine einfache und kurze Antwort: Nein!
Wenn Sie jetzt fragen warum nicht, dann dauert die Erklärung ein klein wenig länger: Dass man die beiden Begriffe nicht gleichsetzen kann liegt schon einmal daran, dass der Begriff „Belle Époque“ eine allgemeine Epochenbezeichnung ist und das schlichtweg das Zeitalter am Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Der Begriff „Jugendstil“ hingegen bezeichnet einen Kunststil. Diesen Kunststil gab es in der Belle Époque, also am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, d.h. hier gibt es zwar eine zeitliche Überschneidung, aber eben keine inhaltliche. Ein weiterer Grund warum man die Begriffe nicht gleichsetzen kann ist darin zu sehen, dass Belle Époque in erster Linie eine französische Epochenbezeichnung darstellt, wohingegen der Jugendstil eine deutsche Stilrichtung ist. Zwar gab es auch in Frankreich eine vergleichbare Stilrichtung, die wurde dort aber Art Nouveau genannt, also „Neue Kunst“.
Auch in anderen Ländern gab es übrigens vergleichbare neue Kunstrichtungen. In England und den USA sprach man vor allem vom „Arts and Crafts Movement“ oder auch vom „Liberty-Style“, manchmal auch vom „Modern Style“. In Spanien nannte man die Richtung „Modernisme“. Vertreten wurde sie dort vor allem von Antoni Gaudi. Speziell in Österreich wurde auch oft vom „Secessionsstil“ gesprochen.

Badevergnügen um 1900 - Belle Époque
Badevergnügen um 1900 Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Wie heißt die Zeit um 1900?

Wie wir gerade schon gesehen haben, gibt es bereits in Frankreich zwei unterschiedliche Bezeichnungen für die Zeit um 1900, nämlich „Belle Époque“ und „Fin de Siècle“. In anderen europäischen Ländern wurden die französischen Bezeichnungen zwar auch durchaus übernommen, aber man hatte auch eigene Bezeichnungen für diese nicht einmal 40 Jahre zwischen 1880 und 1914, die in vielfacher Hinsicht so prägend für die europäische Geschichte wurden.
In England zerfällt diese Zeit in zwei Teile: da ist zunächst das Viktorianische Zeitalter, das seinen Namen von der 64 Jahre regierenden Queen Victoria hat. Sie starb im Jahr 1901 und die danach folgende Zeit wurde nach ihrem Nachfolger „Edwardian era“, sprich „Edwardische Epoche“ genannt.
In Deutschland steht für diese Phase der Geschichte vor allem der Begriff des „Wilhelminismus“, benannt ist diese Wilhelminische Epoche nach Kaiser Wilhelm II., der von 1890 bis 1914 regierte. In der Kulturgeschichte spricht man teilweise auch von der „Gründerzeit“, die allerdings bereits 1871 mit der Krönung Kaiser Wilhelms I. zum deutschen Kaiser beginnt und eigentlich aus dem wirtschaftshistorischen Kontext kommt.

Mark Twain - er sah die Belle Époque kritisch
Mark Twain Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Die Geschichte der “schönen Epoche”

Die Belle Époque war die Epoche in der eine zweite große Welle der industriellen Revolution sich bahnbrach: die Eisenbahn eroberte die Welt und machte sie kleiner, ebenso die ersten Automobile. Erste Flugzeuge wurden gebaut und machten sie noch kleiner. Kameras, elektrisches Licht, Telefone, Grammophone und das Kino machten Dinge – auch weit entfernte – erlebbar, von denen man vorher vielleicht nicht einmal etwas gehört hatte.
Als Queen Victoria bei den Rothschilds in Waddeston Manor zu Gast war, da war sie – so erzählt man sich – von der elektrischen Beleuchtung so faszinier, dass sie ganze zehn Minuten lang einen elektrischen Kronleuchter immer wieder und wieder ein- und ausschaltete.
Aber die Belle Époque war auch jene Epoche in der das Wettrennen der europäischen Mächte um Afrika seinen Höhepunkt erreichte. Waren bis 1870 gerade einmal 10 % des Kontinents in europäischer Hand, so waren es bei Beginn des 1. Weltkriegs im Jahr 1940 sage und schreibe 90%!
Das Gros teilten dabei Großbritannien und Frankreich unter sich auf, kleinere Teile fielen z.B. an Deutschland und Belgien.
Mark Twain nannte die Zeit „Gilded Age“ – vergoldetes Zeitalter. Aber er benannte auch die Probleme des Zeitalters: Armut, Unzufriedenheit der Arbeiter, politische Spannungen zwischen den Staaten, Militarismus, Imperialismus, Wettrüsten. Probleme, die 1914 im 1. Weltkrieg mündeten – ein dunkles Ende einer „schönen Epoche“.
Mark Twain besuchte übrigens im Jahr 1892 für insgesamt sechs Wochen Bad Nauheim.

Jugendstil Plakat Bad Nauheim
Werbeplakat für Bad Nauheim im Jugendstil
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Kunst und Stile der Belle Époque

Kunst gab es viel in der Belle Époque, man könnte sagen es war eine kunstvolle Epoche und weil diese Epoche so vielfältig und teils auch so zerrissen und so zwiespältig war, gab es auch viele verschiedene Stile.
In der Bildenden Kunst waren es vor allem der Impressionismus, der Expressionismus, der Jugendstil, die Art Nouveau und ganz am Ende auch der Kubismus.
Die Musik war zunächst noch geprägt von der Spätromantik, dann schon bald aber auch vom Impressionismus und am Ende von atonalen Klängen.
Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus und vor allem auch Symbolismus beherrschten die Literatur der Belle Époque.
In der Architektur schließlich finden sich in jenen Jahrzehnten vor allem der Historismus, gefolgt von Jugendstil bzw. Art Nouveau und der Neuen Sachlichkeit, die als Vorstufe des Bauhaus anzusehen ist. In Frankreich und den angloamerikanischen Ländern folgte der Stil des Art déco, der vor allem nach dem 1. Weltkrieg, in den 1920er Jahren zur beherrschenden Stilrichtung werden sollte.

Bad Nauheim Sprudelhof Großer Sprudel
Bad Nauheim Sprudelhof Großer Sprudel
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Architektur und Baustile der Belle Époque

Die Architektur der Belle Époque war in Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern vor allem durch zwei Baustile geprägt: den Historismus, der sich an der Vergangenheit orientierte und Stile wie Barock, Gotik und Renaissance kopierte und den Jugendstil, den neuen Stil, der mit der Vergangenheit abschließen wollte und Neues entwerfen.
Gerade in Bad Nauheim erleben wir genau diesen Übergang vom einen zum anderen Stil. Ist z.B. der Sprudelhof in weiten Teilen der Symmetrie des Barock verpflichtet, so zeigt etwa seine ornamentale Ausgestaltung den Jugendstil mit seinen neuen geometrischen und floralen Jugendstilornamenten. Und die einzelnen Badehäuser zeichnen deutlich die Entwicklung des Jugendstils nach vom floralen und eher verspielten Stil hin zu immer mehr Geometrie und klareren Formen.
Vor allem die Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe mit ihren herausragenden Jugendstilkünstlern wie Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens, Paul Bürck, Rudolf Bosselt, Hans Christiansen, Ludwig Habich, Patriz Huber, Albin Müller, Jakob Julius Scharvogel, Josef Emil Schneckendorf, Ernst Riegel, Friedrich Wilhelm Kleukens und Heinrich Jobst wirkte stilbildend in Bad Nauheim ebenso wie im Rest Europas.
Dabei waren es vor allem Joseph Maria Olbrich und Peter Behrens, die die Architektur des Jugendstils und der Belle Époque beeinflussten.

Fliesen in den Badehäusern von Bad Nauheim
Fliesen in den Badehäusern von Bad Nauheim
Fotos: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Fliesen der Belle Époque

Die Fliesen aus der Zeit der Belle Époque sind mindestens so vielgestaltig wie die Epoche selbst. Manche von ihnen sind bunt und fröhlich, andere wieder eher in Grau- und Erdtönen gehalten und zurückgenommen. Manche der Fliesen sprühen vor Ornamenten, quellen beinah über, andere wieder sind ganz musterlos und ergeben manchmal erst ein Muster, wenn man sie im Mosaik verlegt.
Diese Vielfalt ergibt sich schon allein daraus, dass die Belle Époque eben nicht von einer einzigen Kunst- bzw. Architekturrichtung geprägt wurde, sondern von vielen verschiedenen. Eine der wichtigsten war der Jugendstil, bzw. die Art Nouveau und wenn man sich diesen Stil anschaut, dann stellt man schnell fest, dass schon er nicht wirklich einheitlich, sondern sehr facettenreich und vielgestaltig ist.
Es gibt also keine einfache Antwort auf die Frage wie denn Fliesen der Belle Époque aussehen, aber wir haben Ihnen hier einige Beispiel zusammengestellt, anhand deren Sie die Vielfalt sehr gut sehen können.
In Bad Nauheim war es vor allem Jakob Julius Scharvogel, der für viele Fliesen und baukeramische Elemente sorgte, die Ausdruck des neuen Stils, des Jugendstils waren.

Wartesaal Badehaus 3 Bad Nauheim mit historischen Möbeln - ein Bild der Belle Époque
Wartesaal Badehaus 3 Bad Nauheim mit historischen Möbeln historische Postkarte

Möbel der Belle Époque

Vielfalt, das lasen wir schon in den letzten Abschnitten, war das Credo der Belle Époque und das gilt auch für die Möbel jener Jahrzehnte um 1900. Das Zeitalter des Biedermeier war vorbei und dennoch gab es noch immer auch Möbel, die an jene Zeit von etwa 1815 bis 1848 erinnerten. Die Bugholzmöbel beispielsweise, die einst vom Deutschen Michael Thonet berühmt gemacht wurden. Sie waren auch um 1900 noch immer ein großes Thema und wurden weltweit kopiert, verändert und verfeinert.
Dann gab es da die Möbel des Historismus, bzw. der Gründerzeit. Meist schwere, dunkle Möbel, die immer so ein wenig an Mittelalter und Renaissance erinnerten. aber auch barockisierende Möbel, die leichter wirkten entstanden in dieser von einem enormen Eklektizismus geprägten Zeitalter.
Ja und dann waren da natürlich die Möbel des neuen Stils, der Art Nouveau, des Jugendstils, der Secession. Berühmt geworden sind da vor allem die Möbel des Belgiers Henry van de Velde und die der Darmstädter Künstlerkolonie in den Häusern der Mathildenhöhe.
Es ist ein endloses Thema, vor allem, wenn man dann noch den Blick wirft nach Frankreich, über den Kanal nach Großbritannien oder gar über den großen Teich zur dortigen Arts and Crafts-Bewegung.
In Bad Nauheim haben sich viele der originalen Möbel des Jugendstils erhalten, die für die Badehäuser geschaffen wurden. Einige von ihnen wurden vom Architekten des Sprudelhofs – Wilhelm Jost – selbst geschaffen.

Damenmode der Belle Époque
Damenmode der Belle Époque Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Mode, Kleidung und Kostüm der Belle Époque

Wer an Belle Époque und Mode denkt, der hat wohl jene Bilder im Kopf von tanzenden Damen und Herren in prunkvollen bunten Roben, in großen Sälen voller Licht und Farben getaucht. So sah es sicherlich auch aus, aber nur zum Teil und nur für die Reichen und Adligen, die oberen Zehntausend eben.
Und selbst die sahen beileibe nicht immer so aus, sondern eben nur auf Bällen und bei Feierlichkeiten. Die Alltagsmode war selbst für sie deutlich schlichterer Natur.
Die Damen trugen noch immer lange Röcke und Kleider, meistens zumindest. Sie betonten die Taille und lange Zeit auch den Po. Dazu kamen Hüte, mal groß, dann wieder eher kleiner und natürlich kleine Handtäschchen. Auch nicht fehlen durfte der Schirm mit dessen Hilfe es sich so elegant schlendern ließ und der an heißen Tagen Schatten spendete. Das wichtigste Kleidungsstück aber verbarg sich unter dem Kleid: das Korsett.
Die Herren trugen Gehröcke und Zylinder oder auch einen Homburg, jener Hut, der seinen Namen dem Modebad von Welt – Bad Homburg – verdankte.
Und die Kinder: die Mädchen fein im Kleid, die Jungs – so sieht man sie meist auf Bildern – im Matrosenanzug und das nicht nur in Deutschland.
Doch es änderte sich auch viel in jenen Jahrzehnten, gerade in Bezug auf die Damenmode: Eine Revolution war in Gang, die dem Korsett den Kampf ansagte. Plötzlich trugen Frauen Hosen, die Röcke wurden kürzer, denn auch als Frau wollte man Fahrrad fahren oder Straßenbahn und das war mit langen Röcken fast nicht zu bewältigen. Und dann kam die echte Revolution: das Reformkleid – fast formlos, ohne Korsett zu tragen und einfach mal bequem. Es blieb ein Kleid für wenige, aber es ebnete den Weg zu einer neuen Mode. Einer Mode, die dann nach dem 1. Weltkrieg kam.

Collier aus der Sammlung "1900 modern times" - Jugendstilforum Bad Nauheim
Collier aus der Sammlung “1900 modern times” – Jugendstilforum Bad Nauheim
Foto: M. Geisler, CC-by SA 4.0

Schmuck der Jahrhundertwende

Passend zur Kleidung bzw. zur Mode der Belle Époque gestaltete sich auch der Schmuck vielfältig und im wahrsten Sinne facettenreich.
Die großen Frisuren der Damen verlangten dabei vor allem nach Haarschmuck, also nach Nadeln und Kämmen aller Art. Sie waren vielfach prachtvoll und mit den modischen Motiven aus der Tier- und Pflanzenwelt versehen. Libellen waren sehr beliebt, aber auch Pfaue und alle Arten von Blüten- und Blattwerk.
Dazu kamen meist große Ohrringe aus Gold oder Silber mit Edel- oder Halbedelsteinen, die zeitweilig eine große Farbenpracht entwickelten. Auch Halsketten und Armbänder waren sehr beliebt. Sie passten sich in Form, Farbe und Ornamentik dem übrigen Schmuck der Damen an. Nicht vergessen sollte man natürlich auch die Ringe, die ebenfalls oft recht groß und mit Edel- oder Halbedelsteinen versehen waren. Hinzu kamen Broschen, die gerne zur Verschönerung der Kleider und Blusen getragen wurden.
Aber neben dem ganz teuren und echten Schmuck, den sich eben nicht jede:r leisten konnte, entwickelte sich in jenen Jahrzehnten der Belle Époque, rund um die Jahrhundertwende auch neuer Schmuck, der sog. Modeschmuck. Untrennbar mit dieser Bezeichnung verbunden ist der Name Coco Chanel, die ihr erstes Modehaus im Jahr 1911 in Paris eröffnete und dem Modeschmuck, den es schon zuvor durchaus gegeben hatte, endgültig den Weg ebnete.

Henry van de Velde über den neuen Stil der Belle Époque

Künstler:innen der Belle Époque

Die Liste der Künstler:innen der Belle Époque scheint schier endlos. Selbst, wenn man nur jene betrachtet, die noch bis heute bekannt und berühmt sind, so ist die Liste enorm lang.
Was vielfach vergessen, verdrängt oder ignoriert wird, ist die Tatsache, dass die Belle Époque die quasi erste Epoche ist, in der auch Frauen als Künstlerinnen eine gewichtige Rolle spielten. Seit jener Zeit gab es immer mehr Damenklassen, in denen auch Frauen Kunst und Kunstgewerbe erlernen konnten und seit jener Zeit konnten sie auch erstmals an einigen Kunstakademien studieren, was ihnen zuvor stets verwehrt worden war.
So ist die Belle Époque eine von Kunst und Künstler:innen geprägte Zeit. Hier nur einige der wohl bis heute bekanntesten Namen (wobei Kunst hier in ihrer ganzen Vielfalt, von Bildender Kunst über Literatur bis hin zu Musik gemeint ist): Gustav Klimt, Paul Cézanne, Pablo Picasso, Gustav Mahler, Claude Debussy, Arnold Schönberg, Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Anton Tschechow, Peter Behrens, Henry van de Velde, Paula Modersohn-Becker, Henri de Toulouse-Lautrec, Clara Rilke-Westhoff, Margaret MacDonald Mackintosh, Frances MacDonald McNair …
Man könnte die Liste quasi endlos fortsetzen.

Richard Strauss
Richard Strauss um 1909 Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Musik der Belle Époque

Auch für die Musik der Belle Époque gibt es nur ein passendes Adjektiv: vielfältig.
Die Bandbreite reichte von der Spätromantik über impressionistische Töne bis hin zu sog. atonaler Musik, die selbst für heutige Ohren vielfach gewöhnungsbedürftig klingt. Hier war es die Wiener Schule, die diese Art Musik in die Welt brachte. Ihr wichtigster und bekanntester Vertreter war Arnold Schönberg (1874-1951).
Die wichtigsten Komponist:innen aufzuzählen ist ob der Vielfalt gar nicht so leicht und wären da nicht die USA, dann könnte man – leider – die weibliche Form der Berufsbezeichnung eigentlich auch gleich weglassen, denn gerade in Europa waren es eigentlich nur Männer, die die Musikszene der Belle Époque beherrschten.
In die Kategorie der wichtigen Komponisten der Spätromantik gehört sicher vor allem Gustav Mahler (1860-1911). Der gebürtige Böhme ist bis heute einer der bekanntesten Komponisten jener Zeit, ähnlich wie auch Richard Strauss (1864-1949), der vor allem gerne und oft in Bad Nauheim weilte.
Als Komponist von Liedern ist aus jener schönen Epoche vor allem Hugo Wolf (1861903) in Erinnerung geblieben. Und wenn wir auf den Bereich der Oper schauen, dann sind es wohl drei Namen, die alles überstrahlen: Engelbert Humperdinck (1854-1921), Siegfried Wagner (1869-1930) und Giacomo Puccini (1858-1924).
Neben der spätromantischen Musik gab es vor allem auch impressionistische Tendenzen in der Musik, die vor allem von Claude Debussy (1862-1918) verkörpert wurden. Der andere berühmte französische Komponist – Maurice Ravel (1875-1937) – ist mit seinen Kompositionen eher dem Neoklassizismus zuzurechnen.
Melancholisch und pathetisch waren die russischen Komponisten, allen voran Sergei Rachmaninov (1873-1943), aber auch Igor Strawinsky (1882-1971).
In den USA begegnet uns in der Riege der berühmten Komponisten auch endlich eine Komponistin: Amy Beach (1867-1944).

Karl May
Karl May (1907) Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Literatur der Jahrhundertwende

Noch vielfältiger als die Musik war die Literatur der Belle Époque. Die wichtigsten Strömungen waren hier der Naturalismus, der Symbolismus und ähnlich wie in der Bildenden Kunst der Impressionismus und der Expressionismus.
Émile Zola (1840-1902) und Gerhart Hauptmann (1862-1946) sind die wohl bekanntesten Vertreter der naturalistischen Literatur jener Epoche.
Sowohl dem Symbolismus als auch dem Impressionismus sind – je nach Phase ihres Schaffens – Literaten wie Rainer Maria Rilke (1875-1926) als auch Charles Baudelaire (1821-1867) und Stefan George (1868-1933) zuzurechnen. Symbolistisch war auch das Spätwerk Karl Mays (1842-1912), jenes Mannes, der wohl den meisten nur durch Winnetou in Erinnerung geblieben ist, der aber auch zahlreiche andere Werke schuf. Eben jener Karl May weilte übrigens im Herbst des Jahres 1904 in Bad Nauheim, wo er einen der Schöpfer der Bad Nauheimer Jugendstilanlagen – Carl Eser – besuchte.
Klassisch impressionistisch sind die Werke der beiden aus der Wiener Moderne stammenden Literaten Arthur Schnitzler (1862-1931) und Hugo von Hofmannsthal (1874-1929). Bleibt Stefan Zweig (1881-1942) zu nennen, dessen Werk ebenfalls dem Impressionismus zuzuordnen ist.
Die Zahl der bis heute bekannten expressionistischen Literat:innen ist enorm. Darunter zum Beispiel der Dramatiker August Strindberg (1849-1912) und die Lyriker Gottfried Benn (1886-1956), Georg Heym (1887-1912), Georg Trakl (1887-1914) und vor allem auch Else Lasker-Schüler (1869-1945).
Auch expressionistische Erzähler:innen und Essayist:innen gab es in großer Zahl. Dazu zählen etwa Alfred Döblin (1878-1957) und Maria Lazar (1895-1948).
Vom Expressionismus beeinflusst waren beispielsweise Franz Kafka (1883-1924), Hans Fallada (1893-1947) und Bertolt Brecht (1898-1956).

Fischbesteck 1905 aus der Sammlung 1900 modern times des Jugendstilforums Bad Nauheim
Fischbesteck 1905 aus der Sammlung “1900 modern times” des Jugendstilforums Bad Nauheim
Foto: M. Geisler, CC-by SA 4.0

Essen und Tafelfreuden in der “schönen Epoche”

In der Zeit der Belle Époque, da feierte die Tafelkultur noch eine ihrer Hochzeiten. Essen und Tafelfreuden waren – zumindest für die, die es sich leisten konnten – hoch im Kurs. Die Küche und auch die Tafelkultur waren international. Frankreich, aber auch Deutschland prägten mit ihren speziellen Servier- und Eindeckweisen die Tafeln der Schönen und Reichen. Man orientierte sich noch immer an den höfischen Sitten und imitierte mit Tafelaufsätzen und opulenten Gedecken die adeligen Prunktafeln, die es auch um 1900 noch zuhauf gab.
Prägend – gerade auch für die Alltagskultur – war auch die reichlich vorhandene gastronomische Literatur. Kochbücher gab es in großer Zahl und auch Bücher, die die Tafelkultur zum Thema hatten.
Reisende Köche brachten die Rezepte und die Tafelkultur fremder Länder nahezu überall hin. Besonders angesehen und beliebt waren auch schon damals französische Köche.
Seinen internationalen Ruf als hervorragendes Kurbad beispielsweise verdankte Bad Nauheim in seinen Anfängen nicht zuletzt auch der ausgezeichneten Küche und die wiederum verdankte man einem Franzosen, der laut dem Kurgast und Literaten Henri de Pène „der maestro des Herdes“ war und „mit Seele kochte“. Sein Name: M. A. Courtois, ein Franzose.
Die großen Festtafeln und die gehobene Gastronomie glänzten auch schon damals mit Hummer, Austern, Kaviar, Schokolade, Kaffee, edlen Weinen wie Bordeaux und Tokajer und nicht primär mit französischem Champagner, sondern vielfach mit deutschem Sekt (der durfte damals auch noch Champagner heißen) und war teuer und ausgesprochen beliebt.
Aber es gab auch schon die andere Seite – die industrielle Massenfertigung von Lebensmitteln. Es gab Fleischextrakt ebenso wie Maggi. Auch Kondensmilch war im Einsatz, ebenso wie Backpulver. Neben Einmachgläsern sorgten auch schon um 1900 Blechdosen für die Konservierung von Lebensmitteln. 
So viel hat sich also seit der Belle Époque auf den Tischen gar nicht verändert.

Kaiserin Auguste Victoria im Garten des Groedel Sanatoriums bei ihrem Kuraufenthalt in Bad Nauheim
Kaiserin Auguste Victoria im Garten des Groedel Sanatoriums bei ihrem Kuraufenthalt in Bad Nauheim
Foto: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt Bestand R4 – 11283

Belle Époque in Deutschland – Die Zeit des Kaiserreichs

In Deutschland war die Belle Époque eng verknüpft mit dem Kaiserreich. Es war 1871 entstanden, nach einem Krieg mit Frankreich. Offiziell ausgelöst von der sog. „Emser Depesche“ hatte dieser Krieg im Jahr 1870 begonnen. Der „eiserne Kanzler“ Bismarck hatte in diesem Krieg die Chance gesehen Deutschland, das damals noch in viele kleine Herrschaftsgebiete zerstückelt war, zu einen und das unter preußischer Vorherrschaft.
Am 18. Januar 1871 wurde Wilhelm I. – bis dahin König von Preußen – zum Deutschen Kaiser proklamiert. Das geschah in Versailles, eine Schmach für Frankreich, die noch für lange Zeit nachwirken sollte.
Schaut man sich an, dass die Belle Époque zumeist auf die Jahrzehnte zwischen 1880 und 1914 datiert wird, dann fällt sie in Deutschland tatsächlich beinah vollständig mit der Zeit der preußischen Kaiser zusammen, also der immer noch so genannten „Kaiserzeit“. Die endete übrigens realiter erst nach dem 1. Weltkrieg im Jahr 1918 mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. und seinem Rückzug ins niederländische Exil nach Haus Doorn in der Provinz Utrecht.
Geprägt war diese Zeit in Deutschland durch extreme Gegensätze. Es gab das fortschrittliche Kaiserreich, das in technischer und wissenschaftlicher Hinsicht führend in der Welt war. Aber es gab auch das rückschrittliche Kaiserreich, das den Blick auf die Vergangenheit richtete, die freie Presse, die Meinungsäußerung und zahlreiche politische Parteien, allen voran die SPD, drangsaliert und teilweise verbot.

Kaiserin Elisabeth von Österreich - Sisi (Sissi) Bad Nauheim
Kaiserin Elisabeth von Österreich, kurz Sisi (Sissi) genannt
Sie weilte im Jahr 1898 zur Kur in Bad Nauheim
Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Belle Époque in Österreich

Während die Belle Époque in Deutschland in manchen Bereichen für einen Aufbruch und für Neues stand, bedeutete sie in Österreich den letzten Abgesang auf die alte Herrlichkeit der k.u.k.-Monarchie.
Sollte das Reich der Habsburger je glänzend dagestanden haben, jetzt tat es das nicht mehr. An allen Ecken und Enden der Doppelmonarchie brodelte es. Überall gab es Aufstände, in Italien ebenso wie in Ungarn und anderen Staaten, die zum noch immer großen Reich der Habsburger gehörten.
Spätestens seit dem Selbstmord des Thronfolgers Rudolf im Jahr 1889 und der Ermordung der berühmten Kaiserin Elisabeth, die alle besser als Sissi kennen, 1898 in Genf, war der alte Kaiser Franz Joseph I. kein strahlender Herrscher mehr – wenn er es denn je gewesen war.
In dieser Hinsicht war die Belle Époque in Österreich doch eher ein „Fin de Siècle“, dessen letztes Kapitel mit dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 aufgeschlagen wurde, als der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, bei ihrem Besuch in Sarajevo von Gavrilo Princip ermordet wurden. Dieser Mord war der Auslöser für den 1. Weltkrieg. Er begann noch im Jahr der Ermordung (1914). In seiner Mitte im Jahr 1916 starb der alte Kaiser Franz Joseph und am Ende stand das Ende der Monarchie in Österreich und Ungarn.
Der letzte Kaiser Karl I. dankte ab und ging, ebenso wie der ehemalige deutsche Kaiser, ins Exil, zunächst in die Schweiz und später nach Madeira, wo er mit nur 34 Jahren 1922 starb.

Joseph Maria Olbrich und die Wiener Secession
Joseph Maria Olbrich und die Wiener Secession

Wien zwischen Ringstraße und Secession

Aber auch in Österreich gab es nicht nur die „unschöne“ Seite der „schönen Epoche“. Es gab auch eine schöne und die war in Wien, aber eben nicht nur dort, beheimatet. Die schöne Seite der Belle Époque in Österreich und Wien, das war zum einen eben jene alte Herrlichkeit des habsburgischen Kaiserreichs, die schon angesprochen wurde. Es gab sie noch immer, diese Bälle, den Prunk, die Pracht des österreichischen Kaiserreichs. Die Damen trugen große Roben und die Herren ihre Ausgehanzüge mit Hut und Spazierstock. Es wurde gefeiert als gäbe es kein Morgen (das gab es dann ja auch tatsächlich nicht – vielleicht ahnte man es schon).
Eine weitere schöne Seite, das war die Kunst, die feierte gerade in Wien in jenen Jahrzehnten eine ihrer Blütezeiten. Vor allem architektonisch bewegte sich viel. Das Highlight war wohl die sog. Ringstraße, die eigentlich aus mehreren Ringstraßen bestand und die Stilbildend für Wien wurde. Bereits 1853 begann man mit dem ersten Bau, fertiggestellt aber wurde dieses riesige Bauvorhaben auf dem Gelände der ehemaligen Stadtbefestigung, erst 1913, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs.
Der Ringstraßenstil ist purer Historismus und dagegen regte sich in der Belle Époque durchaus massiver Widerstand. Der äußerte sich in der sog. „Wiener Secession“. Sie wurde am 3. April 1897 von Gustav Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann, Joseph Maria Olbrich und anderen Künstlern als Abspaltung (Secession) vom Wiener Künstlerhaus gegründet. Ihr Vorbild war die „Münchener Secession“. Hier, wie auch dort, richtete man sich gegen den Historismus und beschwor einen neuen Stil – den Jugendstil, der in Frankreich Art Nouveau hieß.

Weltausstellung London - Crystal Palace
Weltausstellung London – Crystal Palace Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Belle Époque in London und Großbritannien

Bälle, Pferderennen, Ausstellungen, Opern und Konzerte, Damen in schönen Kleidern und Herren in schwarzen Anzügen – das Bild der Belle Époque ist in Großbritannien gar nicht so anders als auf dem europäischen Kontinent. Noch ist der Unterschied sowieso recht klein, denn hüben wie drüben vom Kanal da gibt es regierende Häupter. Auf der britischen Insel ist es bis 1901 die schon fast mythische Gestalt von Queen Victoria – der Großmutter Europas – die mit nahezu jedem anderen regierenden Haus auf dem Kontinent irgendwie verwandt ist.
Nach ihrem Tod ist es Edward VII., der die Thronfolge antritt und der Edwardian Era ihren Namen gibt. Die Ära, die seinen Namen trägt, die endete mit dem Beginn des 1. Weltkriegs 1914. Er selbst aber starb bereits im Jahr 1910.
Genau wie auf dem Kontinent auch, war es die Industrialisierung, die das Zeitalter prägte und da vor allem auch die Eisenbahn, die die Menschen plötzlich mobil werden ließ. Nun konnte man die Sommermonate völlig problemlos in einem der zahlreichen britischen Seebäder wie z.B. Brighton verbringen oder in das berühmte „Great Spa“ Bath reisen. Oder man besuchte gleich den Kontinent, es ging ja nun schnell und einfach.
Obwohl die Arts-and Crafts-Bewegung in Großbritannien früh begann, viel früher als die Jugendstil- und Secessionsbestrebungen im restlichen Europa, blieb die neue Kunstrichtung in Großbritannien doch eher eine Randerscheinung und der Historismus der vorherrschende Stil.

Plakat zur Weltausstellung in Paris 1889
Plakat zur Weltausstellung in Paris 1889 gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Belle Époque in Frankreich

Frankreich war, wenn man so will, das Geburtsland der Belle Époque. Nicht umsonst trägt die Epoche eine französische Bezeichnung.
Die schöne Epoche, für einige war sie das, für andere weniger. Luxuriöse Festlichkeiten, Cafés, Galerien, Kunst, Architektur, neue gewaltige Bauwerke, Cabarets wie das Moulin Rouge und viele Künstler wie Henri de Toulouse-Lautrec und Alphonse Mucha stehen auf der einen Seite und auf der anderen Seite steht ein nicht kleiner Teil der Bevölkerung, der nicht wusste wie er sein Baguette bezahlen sollte, vom Käse einmal ganz zu schweigen.
Dabei ist die Belle Époque gerade in Frankreich als die große Zeit der Kunst, der „Art Nouveau“ in Erinnerung geblieben. Kein Wunder auch, denn gerade in Frankreich haben sich unglaublich viele Prestigeobjekte jener Zeit erhalten. Die bekanntesten sind sicherlich die Métro und vor allem auch der Eiffelturm.
Kaum ein anderes Land hat in jener Epoche so viele Künstler:innen angezogen wie Frankreich, gerade auch mit seiner Hauptstadt Paris.

Karikatur von Le Temps in damaligem Zeitgeist mit übergroßem Kopf am 14. Februar 1887
Karikatur von Le Temps vom 14. Februar 1887 gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Paris und seine schönste Epoche

Der Eiffel-Turm ist wohl das Wahrzeichen der Belle Époque in Paris und eigentlich nicht nur in Paris. Er zeigt wie kaum ein anderes Gebäude den Geist der Zeit, die neuen Technologien, die vorher nicht für möglich gehaltenes möglich machten, die neuen Materialien wie Eisen und Glas, die nun überall Verwendung fanden. Die unglaublichen Innovationen, die dieses Zeitalter – genau wie unser Computerzeitalter – zu einem Zeitalter des Aufbruchs und der Innovation werden ließen.
Aber auch in Paris gab es nicht nur diese „schöne“ Seite der „schönen Epoche“. Auch das sieht man am Eiffel-Turm, den eigentlich niemand haben wollte, der gehasst und verballhornt wurde und eigentlich wieder abgerissen werden sollte, denn es gab sie auch in jener Zeit, die ewig Gestrigen, die jede Art von Fortschritt einfach nur kritisch sahen und an Althergebrachtem festhalten wollten.
Die andere negative Seite, das war die Bevölkerungsentwicklung: in den knapp 40 Jahren zwischen 1870 und 1910 wuchs die Bevölkerung in Paris um 64% und dabei wurde die Stadt auf der einen Seite zur reichsten und auf der anderen Seite zur ärmsten Stadt Frankreichs: 1882 ergab eine Erhebung, dass 27% der Pariser Bevölkerung der Ober- und Mittelschicht angehörten. 73% hingegen waren arm. Sie konnten sich weder vernünftige Wohnungen noch ausreichend Essen leisten. Das war sie – die Kehrseite der Belle Époque.
Die einen hatten kein Essen während auf der anderen Seite Jeanne Paquin zu einer der führenden Modedesignerinnen der Belle Époque wurde und die Reichen und Schönen mit teuren Kleidern beglückte.

Louis Comfort Tiffany über Kunstwerke und die Schönheit - Belle Époque
Louis Comfort Tiffany über Kunstwerke

Belle Époque in den USA

Die USA waren in der Belle Époque, die Mark Twain in spöttischer Art das „Gilded Age“, also „goldenes Zeitalter“ nannte, der Traum und die Hoffnung unendlich vieler Europäer:innen. Die Bevölkerung in diesem Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten wuchs und wuchs. Die Bevölkerung New Yorks zum Beispiel zwischen 1870 bis 1900 um das 2 1/2-fache.
In Chicago war die Situation noch viel krasser: die Bevölkerung verzehnfachte sich zwischen 1870 und 1900!
Da konnte es nicht ausbleiben, dass nicht für jede:n die Möglichkeiten unbegrenzt waren und Slumartige Viertel entstanden und die Armut wuchs. Während des Goldenen Zeitalters Amerikas besaßen die reichsten 2 % der US-amerikanischen Bevölkerung mehr als ein Drittel des Vermögens und die oberen 10 % sogar ungefähr drei Viertel besaßen.
In künstlerischer Hinsicht entwickelten sich die USA in jenen Jahrzehnten zwar durchaus eigenständig, aber gerade die Weltausstellungen, die auch hier mehrfach stattfanden, führten durchaus auch zu einer Beeinflussung durch die europäische Kunst der Art Nouveau und des Jugendstils. Nicht zuletzt europäische Künstler:innen, die in die USA kamen, brachten diese neuen Strömungen mit. Große Wirkung entfaltete vor allem die englische Arts and Crafts-Bewegung, die noch heute in vielen amerikanischen Städten wie Chicago und auch Detroit zu sehen ist. Hier nannte man es „Craftsman“ und die in diesem Stil entstandenen Häuser stehen noch heute hoch im Kurs.
Den größten Einfluss aber hatte wohl Louis Comfort Tiffany, der Mann mit den berühmten Lampen.

Jacques Louis Gautier über Weltausstellungen - Ausdruck der Belle Époque
Jacques Louis Gautier über Weltausstellungen

Die Welt der Jahrhundertwende auf den Weltausstellungen

Weltausstellungen sind ein Kind der Belle Époque. Schon an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren Internationalisierung und Globalisierung wichtige Begriffe. Damals begannen sie die Welt zu prägen.
Schon damals strebten viele nach einem weltweiten Austausch. Doch anders als in Zeiten des Internets erfolgte dieser Austausch damals völlig analog. Als Mittel sich auszutauschen wählte man große Ausstellungen, auf der die ganze Welt sich zeigen sollte und konnte.
Weltausstellungen gibt es zwar noch heute, doch hatten sie ihre Hochzeit um 1900. Damals waren sie von großer Bedeutung erregten Aufsehen und prägten nicht selten das Gesicht einer Stadt vollkommen neu, denken wir nur an der Turm des Herrn Eiffel und das neue Gesicht von Paris.
Auf den Weltausstellungen fand der internationale Austausch in Sachen Technik und auch in Sachen Kunst statt.
Die erste Weltausstellung fand im Jahr 1851 in London unter dem Titel „Great Exhibition oft he Works of Industry of All Nations“ statt. Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1861), der Ehemann von Queen Victoria (1819-1901), war es, der die erste Weltausstellung ins Rollen gebracht hat. Das zentrale Gebäude damals war der „Crystal Palace“ des Architekten Joseph Paxton (1803-1865).
Weltausstellungen der Belle Époque:
1851: London
1853: New York und Dublin
1855: Paris
1862: London
1865: Dublin
1867: Paris
1873: Wien
1876: Philadelphia
1878: Paris
1879: Berlin und Sydney
1880: Melbourne
1883: Amsterdam
1884: New Orleans
1885: Antwerpen
1886: London
1888: Melbourne, Glasgow und Barcelona
1889: Paris
1893: Chicago
1894: Antwerpen, Mailand und San Francisco
1895: Atlanta
1896: Berlin
1897: Brüssel
1900: Paris
1901: Buffalo
1902: Turin
1904: St. Louis
1905: Lüttich
1906: Mailand
1907: Dublin und Hampton Roads
1909: Seattle
1910: Brüssel
1911: Turin
1913: Gent
1915: San Francisco und San Diego

Charles Robert Ashbee über die Bedeutung der Arts and Crafts Bewegung
Charles Robert Ashbee über die Bedeutung der Arts and Crafts Bewegung

Die Merkmale der Belle Époque

Die Merkmale der Belle Époque sind schwer zu fassen, zu facettenreich ist diese Epoche. All diese Facetten vereint die Aufbruchstimmung. Die allerdings galt nicht für alle Menschen und auch nicht überall. Es waren vor allem das gehobene Bürgertum und auch Teile des Adels, die am Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts diese Stimmung teilten.
Sie feierten – vor allem in den großen Metropolen wie Wien, Paris und London den Anbruch einer neuen Zeit mit neuer Technik, neuer Kunst und neuen Möglichkeiten. In den Konzertsälen, den Tanzsälen und den Salons, Cafés und Galerien traf man sich, um all das Neue zu genießen und zu feiern.
Draußen aber, vor den Türen, da herrschte Armut, da entstand eine neue Unterschicht. Immer mehr Menschen drängten in die ohnehin schon vollen Städte, um Arbeit zu finden und vielleicht auch ein Stück vom Glück. Den wenigsten gelang es.
Währenddessen wurde drinnen weiter gefeiert. Die Künste blühten. Der Expressionismus, der Impressionismus, der Jugendstil, die Art Nouveau, die Arts and Crafts-Bewegung, sie alle entstanden in jener Epoche.
Vor allem der Jugendstil, in Frankreich Art Nouveau und in den angloamerikanischen Ländern die Arts-and-Crafts-Bewegung waren Antworten auf diese ambivalente Zeit. Sie wollten der Fabrikware, die gerade ihren ersten Höhenflug hatte wieder Handarbeit entgegensetzen. Sie scheiterten, wie so viele andere Reformideen jener Jahrzehnte.

Opfer eines Gasangriffs nach der Darstellung von John Singer Sargent - Der 1. Weltkrieg: Ende der Belle Époque
Der 1. Weltkrieg – das tragische Ende der Belle Époque
Opfer eines Gasangriffs nach der Darstellung von John Singer Sargent Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Belle Époque einfach erklärt

Einfach erklärt bedeutet die Bezeichnung „Belle Époque“ „Schöne Epoche“, also „schönes Zeitalter“. Man bezeichnet damit zumeist den Zeitabschnitt von etwa 1880 bis 1914.
„Belle Époque“ meint also die gut drei Jahrzehnte am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Diese Epoche endet mit dem Beginn des 1. Weltkriegs im Jahr 1914.
Parallel zur Bezeichnung „Belle Époque“ gibt es auch die Bezeichnung „Fin de Siècle“. „Fin de Siècle“ kommt ebenfalls aus dem Französischen und bedeutet übersetzt „Ende des Jahrhunderts“. Dieser Begriff bezeichnet den gleichen Zeitabschnitt zwischen ca. 1880 und 1914.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Bezeichnungen ist die Sichtweise auf eben diese gut 30 Jahre: Die Bezeichnung „Belle Époque“ blickt auf die schönen Seiten, auf den Glanz, die Kunst, den Prunk und die gehobene Lebensart und auch auf die Aufbruchstimmung jener Jahrzehnte und den Fortschritt. Die Bezeichnung „Fin de Siècle“ hingegen nimmt vor allem die negativen Seiten, wie die Dekadenz in den Blick.

3 Kommentare

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Nach Oben