Schmuckhof Badehaus 5 Bad Nauheim
Allgemein

Bad Nauheim – ein historisches Forschungs- und Vermittlungsprojekt

Als ich im Jahr 2019 zum ersten Mal nach Bad Nauheim kam, ging es mir vermutlich wie vielen Menschen, die die Stadt eher zufällig entdecken: Ich war schockverliebt. Und ich fragte mich zugleich, warum ich eigentlich nie zuvor auf ihre kultur- und kunsthistorische Bedeutung aufmerksam geworden war.

Natürlich kannte ich den Namen Bad Nauheim. Wer wie ich gerne Elvis Presley hört, kommt an der Stadt kaum vorbei. Von 1958 bis 1960 lebte Elvis hier, während er im benachbarten Friedberg als amerikanischer Soldat stationiert war. Bad Nauheim war also das „European Home of Elvis“.

Viel mehr wusste ich damals nicht.

Das änderte sich ziemlich schnell.

Bad Nauheim Sprudelhof Großer Sprudel
Bad Nauheim Sprudelhof Großer Sprudel
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0

Bad Nauheim – Viel mehr als ein Jugendstilbad

Bad Nauheim besitzt mit dem zwischen 1905 und 1911 entstandenen Sprudelhof eines der eindrucksvollsten Jugendstilensembles Europas. Aber wer die Stadt ausschließlich unter dem Stichwort Jugendstil betrachtet, sieht nur einen Teil ihrer Geschichte.

Hier lassen sich ganz unterschiedliche historische Entwicklungen auf ungewöhnlich engem Raum verfolgen: die Geschichte der Salzgewinnung seit keltischer Zeit, der Aufstieg eines Söderdorfs zum international bekannten Heilbad, die Entstehung einer modernen Kurstadt im 19. Jahrhundert, Gartenkunst, Architektur und Technik, Medizin und Körpergeschichte, Freizeit und Konsum, Luxushotellerie und internationaler Tourismus – und schließlich die Geschichte einer Stadt, deren Bild bis heute auch von Elvis Presley geprägt wird.

Vor allem aber interessiert mich inzwischen Bad Nauheim als ein Ort der Moderne um 1900.

Denn der Jugendstil zeigt sich hier nicht allein in Ornamenten, Fliesen, Fenstern oder geschwungenen Linien. Mit den unter dem Regierungsbaumeister Wilhelm Jost entstandenen neuen Kuranlagen wurde zwischen 1905 und 1912 der Versuch unternommen, Natur, Technik, Architektur, Kunst, Heilung und modernes Leben miteinander zu verbinden.

Gerade darin liegt für mich die besondere kulturhistorische Bedeutung Bad Nauheims: Bad Nauheim ist Jugendstil nicht nur als Stil, sondern als Ausdruck einer umfassenderen Vorstellung von modernem Leben.

Die Verbindungen zur Darmstädter Künstlerkolonie und zum Reformmilieu der Zeit sind dabei ebenso interessant wie der größere europäische Zusammenhang der historischen Kur- und Bäderkultur. Die Mathildenhöhe Darmstadt gehört seit 2021 zum UNESCO-Welterbe; auch die internationale Bäderkultur des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts wird seit 2021 durch die elf „Great Spa Towns of Europe“ als Welterbe gewürdigt. Bad Nauheim selbst gehört nicht zu dieser seriellen Welterbestätte – kulturhistorisch bewegt sich die Stadt jedoch in derselben europäischen Welt der großen Kurorte und Modebäder.

Sprudelhof Bad Nauheim
Sprudelhof Bad Nauheim um 1910 historische Postkarte

2019: Bad Nauheim digital

Als ich 2019 begann, mich intensiver mit der Stadt zu beschäftigen, stand zunächst ein sehr praktisches Problem im Mittelpunkt.
Die Sanierung des Sprudelhofs kündigte sich an. Damit würden Teile dieser außergewöhnlichen Anlage über Jahre hinweg nicht oder nur eingeschränkt zugänglich sein. Gleichzeitig gab es damals noch keinen musealen Ort, an dem sich die Geschichte des Jugendstils und der Badekultur im Sprudelhof umfassender entdecken ließ.

Da ich mich bereits seit vielen Jahren mit digitaler Kulturvermittlung beschäftigte, erschien mir eine Lösung naheliegend:
Warum nicht zumindest digital zugänglich machen, was vor Ort zeitweise nicht zugänglich sein konnte?

So entstand diese Website.

Von Anfang an sollte sie mehr sein als eine Sammlung touristischer Informationen. Historische Texte, Bilder, Rundgänge, 360°-Aufnahmen und andere digitale Formate sollten dazu beitragen, den Sprudelhof und die Geschichte Bad Nauheims auch während der Sanierungszeit erfahrbar zu machen.

Unterstützt wurde die Entstehung des Projekts damals von der Stiftung Sprudelhof. Sie ermöglichte mir den Zugang zu den Badehäusern. So konnte ich in vielen Stunden allein und ungestört die Anlage ausführlich erkunden und dokumentieren. Besonders hilfreich war außerdem der damalige Geschäftsführer der Stiftung, Herr Thielmann, den ich mit meinen zahlreichen Fragen löchern durfte.

Seitdem hat sich einiges verändert.

2021 eröffnete im Badehaus 3 des Sprudelhofs das Jugendstilforum. Zwischen 2021 und 2025 kuratierte ich dort gemeinsam mit dem Kölner Sammler Manfred Geisler die Dauerpräsentation zur Geschichte des Sprudelhofs sowie zahlreiche Wechselausstellungen zu Kunst, Kultur und Design um 1900.

Parallel dazu entwickelte sich meine eigene Beschäftigung mit Bad Nauheim immer weiter. Aus der ursprünglichen Idee einer digitalen Begleitung des Sprudelhofs wurde nach und nach ein eigenständiges historisches Forschungs- und Vermittlungsprojekt.

Aus einer Website wird ein Forschungsprojekt

Was 2019 als digitales Vermittlungsprojekt begann, ist im Laufe der Jahre zu einer wesentlich umfassenderen Beschäftigung mit Bad Nauheim geworden.
Je intensiver ich mich mit der Stadt, ihren Gebäuden, ihren Architekten und Künstlern, ihrer Badekultur und ihren historischen Akteur:innen beschäftigte, desto mehr Fragen entstanden.

Wer entwickelte die Vorstellung vom „neuen Bad Nauheim“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Welche Rolle spielte Wilhelm Jost? Wie modern war diese neue Kuranlage tatsächlich? Was bedeutete „modern“ um 1900 überhaupt? Wie verbanden sich technische Innovation, medizinische Vorstellungen, Architektur und Gestaltung? Was von alledem ist überhaupt „Jugendstil“? Wie lebten und bewegten sich internationale Kurgäste in der Stadt? Welche Rolle spielten Hotels, Verkehr, Konsum und gesellschaftliche Repräsentation? Und was verraten selbst scheinbar nebensächliche Dinge – eine Badewanne, eine Fliese, eine Postkarte oder ein Hotelprospekt – über diese Welt?

Damit ist diese Website heute auch ein Ort, an dem Forschung und Vermittlung ineinandergreifen.

Manche Themen führen zu Blogbeiträgen, andere zu Vorträgen, Publikationen oder Ausstellungsprojekten. Wieder andere beginnen mit einem kleinen Fund und entwickeln sich erst nach und nach zu einer größeren Geschichte.

Die Seite wächst deshalb nicht nach einem touristischen Vollständigkeitsprinzip. Sie wächst dort, wo historische Fragen, Quellen, Objekte und Geschichten neue Zusammenhänge sichtbar machen.

Bad Nauheim erforschen – analog und digital vermitteln

Genau darin liegt inzwischen das Ziel dieses Projekts:
Ich möchte Bad Nauheim nicht verklären und auch nicht auf seine schönen Jugendstilfassaden reduzieren.
Mich interessieren die Stadt und ihre Geschichte mit ihren Widersprüchen, Veränderungen und Brüchen.

Dabei verbinde ich historische Forschung mit kuratorischem Denken sowie analoger und digitaler Geschichtsvermittlung.

Geschichte findet schließlich nicht nur in Archiven und Büchern statt. Sie steckt vor allem auch in Gebäuden und Landschaften, in Museumsobjekten und Alltagsgegenständen, in Fotografien, Plänen und Werbematerialien – und manchmal sogar in einer alten Badewanne.

Diese Spuren zusammenzuführen, einzuordnen und daraus Geschichte(n) zu erzählen, ist das Anliegen dieses Projekts.
Und nach inzwischen einigen Jahren Beschäftigung mit Bad Nauheim kann ich zumindest eines mit Sicherheit sagen:
Mit dem Schockverliebtsein von 2019 fing die Sache gerade erst an.


Dr. Anja Kircher-Kannemann

Zur Autorin

Dr. Anja Kircher-Kannemann ist Historikerin, Kuratorin und Autorin. Sie verbindet historische Forschung mit kuratorischer Praxis sowie analoger und digitaler Geschichtsvermittlung. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Kulturgeschichte der Moderne um 1900, die Kur- und Bädergeschichte sowie Hof-, Residenzen-, Landes- und Regionalgeschichte. Seit 2019 beschäftigt sie sich intensiv mit der Geschichte Bad Nauheims und insbesondere mit der Entwicklung des modernen Kurbades zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

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Beitragsbild:
Schmuckhof von Badehaus 5
Foto: A. Kircher-Kannemann, CC-by SA 4.0


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