Kolonnaden Bad Nauheim mit Tennis-Café
Kolonnaden

Kolonnaden, Café und Ballspiel in Bad Nauheim

Die Kolonnaden sind und waren schon immer ein wichtiger Bestandteil des Kurortes Bad Nauheim. Schon ganz am Anfang, als Bad Nauheim langsam aber stetig zu einem renommierten Heilbad aufstieg, war klar, dass vor allem die betuchteren und internationalen Kurgäste auch einige Erwartungen bezüglich ihrer Freizeitgestaltung hegten.

Von einem Kurbad, das auch für die Hautevolee taugen sollte, erwartete man eben nicht nur gute Kuranwendungen und feine Badeanlagen sowie schön ausgestaltete Trinkkuranlagen und gute Ärzte. Ebenso erwartete man, dass es ausreichend Zerstreuung bot. Da galt es neben einem gut angelegten Kurpark, einem repräsentativen Kurhaus mit Theater auch noch für weitere Freizeitangebote zu sorgen. Cafés etwa waren da sehr beliebt, aber auch nette kleine Geschäfte, die zum nachmittäglichen Flanieren einluden. Die aktiveren Kurgäste erwarteten außerdem die Möglichkeit sich angemessen sportlich betätigen zu können – Tennis war da gerade der neueste Schrei in der Upper Class.

Einige dieser Angebote gab es bereits in Bad Nauheim als Großherzog Ernst Ludwig und der von ihm berufene Architekt Wilhelm Jost sich an die Neugestaltung des zukünftigen Weltbades machten. Im folgenden Text, der im Jahr 1910 im Zentralblatt der Bauverwaltung erschien, berichtet Wilhelm Jost von den Freizeiteinrichtungen:


Übersichtsplan Kolonnaden Bad Nauheim
Übersichtsplan der Kolonnaden in Bad Nauheim
Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung Nr. 79 (1910) S. 514-515, hier S. 515.

Kurpark und alte Kolonnaden von Bad Nauheim

„Der Park von Bad Nauheim wird im Süden durch die Parkstraße begrenzt, und zwar derart, daß die Südseite dieser Straße zum großen Teil geschlossene drei- bis vierstöckige Bebauung aufweist, während auf der Nordseite eine mächtige Ulmenallee sich hinzieht (vergl. den Lageplan 1909 d. Bl., S. 5). Nur im östlichen Teil der Parkstraße schiebt sich ein Teil des Parks noch über die Straße nach Süden in das Gebiet des Kurbrunnens, in dem das Parkhotel und die neue evangelische Dankeskirche stehen. Gegenüber dieser Kirche, etwas hinter der Ulmenallee im Park, standen bis zum Herbst 1909 die sogenannten Kolonnaden, ein hoher, dunkel gestrichener Holzbau mit Läden und einem kleinen Kaffeeausschank in der Mitte, zu dessen hochgelegenen Fußboden einige Treppen und Rampen hinaufführten. Hinter diesen Kolonnaden lagen, durch Gebüsch getrennt, fünf Ballspiel (Tennis-) plätze, ohne Beziehung zum Gebäude und zu den Wegen des Parks.“


Kaffeehaus Kolonnaden Bad Nauheim
Das Kaffeehaus in den Kolonnaden von Bad Nauheim
aus: Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung Nr. 79 (1910) S. 514-515, hier S. 515

Das Kaffeehaus am Ballspielplatz und die Verkaufsläden

„Nun hatte man seinerzeit bei der Aufstellung der Gesamtvorlage über Umgestaltung des Bades im Jahre 1904 beabsichtigt, die Läden und das Café in der am Kurbrunnen zu erbauenden neuen Kolonnade unterzubringen und die alte Kolonnade zu beseitigen. Später kam man jedoch zu der Überzeugung, daß gerade an der alten Stelle in der Parkstraße die günstigste Geschäftslage sei, daß also auch die neuen Läden wieder dahin gehörten, und es kam ferner der berechtigte Wunsch der Verwaltung nach einer besseren Ausgestaltung der Ballspielplätze und besonders der Gastwirtschaft in Verbindung mit den Plätzen hinzu. Daraus ergab sich nun wieder von selbst die Zusammenlegung der für die Spielplatzbesucher bestimmten Gastwirtschaft und des allgemeinen Cafés, und es entstand der neue Entwurf, der nach seiner Ausführung in Grundrissen und Abbildungen hier beigegeben ist.
Dieser Anlage liegt der Gedanke zugrunde, daß den Kaffeebesuchern eines Badeortes, die während des Aufenthalts in der Wirtschaft Ausblick auf die belebten Spazierwege lieben, eine möglichst langgestreckte Fläche für Sitzplätze sowohl im Freien als auch in bedeckter, verglaster Halle zur Verfügung zu stellen seien. In zweiter Linie kam die Forderung nach Schaffung von Räumen für den Winterbetrieb einer Gastwirtschaft und nach Verwendbarkeit eines Teils der Räume als Lese- und Gesellschaftszimmer ebenfalls während des Winters, wenn das Kurhaus geschlossen ist.“


Grundriss Kaffeehaus Kolonnaden bad Nauheim
Grundriss des Kaffeehauses in den Kolonnaden von Bad Nauheim
aus: Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung Nr. 79 (1910) S. 514-515, hier S. 515.

Kurgäste zwischen Gartenhalle und Oberlichtsaal

„So liegt nach der großen Allee in der Mitte eine verglaste Halle von etwa 30 m Länge und nur 4,40 m Tiefe mit einer noch etwas längeren Terrasse davor, während sich links und rechts je ein geschlossener Raum anschließt, dessen großer Erker wiederum einen Überblick über die Allee und über die Sitzplätze vor dem Café sowohl als auch über die anschließenden Kolonnaden bietet. Entsprechend der vorderen mittleren Glashalle ist nach hinten, also nach den Spielplätzen, eine offene Gartenhalle angeordnet, vor der in drei verschiedenen Höhen Sitzplätze zur Benutzung der Ballspieler und Zuschauer liegen und von wo man auf die etwa 2 m tieferliegenden Spielplätze (jetzt sieben) gelangt. Der westliche Flügelbau des Gebäudes nimmt in seinem hinteren Teil die Kleiderablagen für die Ballspieler und Geräteräume, der östliche Flügel die Kaffeeküche mit Nebenräumen auf. Die Speisenausgabe ist so angeordnet, daß von ihr aus bequem das vordere öffentliche Café und die Spielplatzwirtschaft übersehen und bedient werden können. Im Dachstock der Flügelbauten sind Wohnungen für Wirt und Bedienung untergebracht. Die Spielplätze sind längs des Parkwegs mit einer Pergola abgeschlossen, deren Sockel und Stützen aus Beton gestampft und überarbeitet sind. An das Kaffeehaus schließen sich nun nach Westen sowohl als auch nach Osten Verkaufsläden an, vor denen eine Wandelhalle herläuft. Am Ostende der Anlage sind fünf Räume, darunter ein Oberlichtsaal für ständige Ausstellungen der Kunst und des Kunstgewerbes bestimmt. An den Wegdurchführungen sind Überbauungen ausgeführt worden, wodurch die Einheit gewahrt und ein trockener Spazierweg geschaffen wurde.“


Kolonnaden Bad Nauheim
Die “gedeckte Halle” in den Kolonnaden von Bad Nauheim
aus: Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung Nr. 79 (1910) S. 514-515, hier S. 514.

Die neuen Kolonnaden Bad Nauheim – Kosten und Ausgestaltung

„Die ganze Anlage ist möglichst einfach gehalten worden. Die Erker des Cafés und die Giebellisenen sowie die Stützen der Kolonnaden sind aus Beton gestampft oder angetragen und überarbeitet, alles andere ist verputzt. Die Dächer sind wegen der Lage unter den Bäumen, die die Feuchtigkeit sehr zurückhalten, und wegen der zum Teil flachen Neigungen in verbleitem Eisenblech gedeckt und gestrichen. Die Kaffeeräume haben einfache Wandbespannungen mit Leistenteilung. In der Mittelhalle sind die Heizkörper zur Bildung von Nischen benutzt. Die Kaffeehalle und die Halle nach den Spielplätzen sind vom Maler Lanz, Frankfurt a. M. einfach aber wirkungsvoll ausgemalt. Alles weitere erläutern die Abbildungen.
Im Herbst 1909, und zwar bei den Verkaufsläden am 1. Oktober, bei dem Café am 1. November, wurde mit dem Bau begonnen, der schon zu Beginn der Kurzeit fertig sein mußte. Tatsächlich sind auch die Ladenmieter Ende April eingezogen, während das Café am 10. Mai eröffnet wurde. Die Kosten betrugen insgesamt einschließlich der Möbelausstattung des Cafés und aller Nebenanlagen, wie Terrassen, Einfriedigungen, auch der Tennisplätze, 244000 Mark.
Entwurf und Ausführung erfolgte durch die Baubehörde für die Neubauten in Bad Nauheim unter verantwortlicher Leitung des Unterzeichneten. Die Bearbeitung hatte Regierungsbaumeister Petry.
Bad Nauheim. Jost.“[1]


[1] Wilhelm Jost: Die Neuanlagen von Bad Nauheim, in: Zentralblatt der Bauverwaltung Nr. 79 (1910) S. 514-515.

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Beitragsbild:
Die Kolonnaden von Bad Nauheim – historische Postkarte

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